Saverio’s erstes Jahr bei uns!

Dass wir nach dem sehr schmerzhaften und plötzlichen Verlust unseres geliebten Galgos Massi am 10.04.2025 so schnell einen neuen Hund bekommen würden, war weder geplant, noch haben wir uns aktiv dagegen entschieden.

Ein Post von der Galgorettung Fränkische Seenplatte wurde durch Instagram in meinen Feed gespült, in dem Saverio vorgestellt wurde. Die Beschreibung seines Verhaltens und seiner Persönlichkeit passte einfach sehr gut zu uns. Bedingt durch die Gehbehinderung unseres inzwischen 9-jährigen Galgos Edward, der aufgrund seines Unfalls im Jahr 2023 nicht mehr ungehemmt rennen und toben darf, stellte sich die Beschreibung von Saverio als sehr gutes Pendant zu ihm heraus.

Wie wählt man den richtigen Hund aus?

Bevor man sich für einen Hund oder einen weiteren entscheidet, muss zwingend ein Realitätsabgleich der eigenen Lebenssituation erfolgen. Sicher haben wir im Training auch mit verhaltensauffälligen Hunden zu tun, auch mit ängstlichen sowie sehr oft mit Aggressionsverhalten, aber grundsätzlich sollte man sich im Klaren darüber sein, wer in die eigene Lebenssituation passt, ohne sich verrenken zu müssen. Man sollte sich auch die Frage stellen, wie viel man bereit ist, an Zeit, Kraft und Energie zu investieren. Da unser Terminkalender sehr, sehr voll ist, oft wenig Zeit bleibt und die Hunde quasi im Alltag mitlaufen müssen, auf Befindlichkeiten der Einzelnen nicht immer gebührend Rücksicht genommen werden kann, sollte man zusammenpassen.

Die Kontaktaufnahme mit der Galgorettung war komplikationslos. Rasch wurde von mir der Interessentenbogen ausgefüllt und die Galgorettung organisierte ebenso schnell eine Person, um die Vorkontrolle zu leisten.

Erstes Kennenlernen

Wir fuhren in den Urlaub, in die Nähe der Galgorettung, und am 29.04.2025 war es dann so weit: Wir durften Saverio kennenlernen! Die Zusammenkunft mit Edward war völlig unspektakulär, so wie es unter Hunden, die sich gut verstehen werden, auch üblich ist. Nach kurzer Zeit war klar, dass Saverio zu uns gehört.

Erstmal ankommen lassen? Und dann???

Saverio hat von Stunde eins an erfahren dürfen, wie unser Leben abläuft. Die Einschätzung der Galgorettung war, dass er umweltunsicher war, und das bestätigte sich auch schnell. Gut gesichert durfte Saverio uns in einen Biergarten begleiten und sich von dort aus seine neue Welt anschauen. Eng bei mir und durch mehrere Leinen gesichert, staunte er nicht schlecht über das, was sich ihm da bot. Fremde Menschen, fremde Gerüche, andere Hunde – wir und alles um ihn herum waren fremd und auch gruselig.

Fütterungssituation

Die Fütterungssituation in den ersten Tagen gestaltete sich etwas problematisch. Saverio war unsicher, ob er in der Anwesenheit von zwei weiteren Hunden (meine Freundin reiste mit uns, welche einen Border Collie hat) sein Futter ungehemmt fressen durfte, und so musste ich diese Situation für ihn anleiten. Nach ein paar Tagen war seine Skepsis verflogen und er konnte ohne Aufregung sein Futter zu sich nehmen.

Wir mussten ihm ebenfalls erklären, dass das Essen, welches auf dem Tisch steht, nicht für ihn, sondern Menschenessen ist. Aber auch das hat er sehr schnell verstanden.

Die ersten Tage bei uns – Eingewöhnung beginnt sofort

In den kommenden Tagen lernte er seinen Namen, neben dem Menschen zu laufen, an der Leine sein Geschäft zu verrichten sowie aus dem Auto ein- und auszusteigen. Letzteres war sehr schwer für ihn und es bedurfte Konsequenz, ihn anzuleiten, was nun zu tun ist. Aber auch das war nur ein paar Tage Thema.

Bereits in den ersten Tagen wurde ihm erklärt, dass eine geöffnete Haustür niemals für ihn bedeutet, allein hinauszustürmen, sondern darauf zu warten, dass es ihm erlaubt wird. Eine Lebensversicherung für alle Hunde.

Spaziergänge wurden in den nächsten Tagen und Wochen sehr kurz gehalten und nach Möglichkeit auch immer dieselben Wege gegangen. Nicht an der Schleppleine, sondern an der kurzen Leine, gesichert durch ein Sicherheitsgeschirr, ein Zugstopphalsband und zwei Leinen. Auf einem unserer kleinen Spaziergänge begegneten wir einer großen Gruppe Menschen, welche sich für uns rechts und links aufteilte und wir somit mitten durch die Menschengruppe gehen mussten. Diese Situation war für Saverio sehr schwierig. Er stemmte alle vier Füße in den Boden und weigerte sich weiterzugehen. Konsequente Anleitung in schwierigen Situationen verhilft sehr schnell dabei, Ängste abzubauen und Unsicherheiten zu beseitigen. Und so lernte er, dass solche Situationen zwar zunächst gruselig sein dürfen, allerdings bewältigbar sein können und er Vertrauen zu mir haben darf.

Auch große städtische Rasenmäher, die laut und unheimlich waren, beängstigten ihn stark. Auch damit durfte er sich auseinandersetzen und lernen, dass diese Dinge Alltag und keineswegs unheimlich sein müssen. Dass ich die Situation im Griff habe und dafür Sorge trage, dass nichts passiert.

In Hundebegegnungen reagierte Saverio mit Unsicherheit und so habe ich bewusst in dieser frühen Zeit sehr verantwortungsvoll geschaut, welche Begegnung ich ihm zutrauen möchte und welche nicht. Auch brauchte er Anleitung, wie er sich in Hundebegegnungen zu verhalten hat. Misstrauen und Unsicherheiten sind Faktoren, die einer entstehenden Leinenaggression zugrunde liegen können, und Saverio zeigte genau diese Faktoren schon sehr früh.

Ebenfalls zeigte er sehr früh Jagdverhalten. Katzen und Vögel fixierte er. Sicher hätte er sie auch gejagt und es wäre ihm auch egal gewesen, ob er an der Leine gewesen wäre oder nicht. Das habe ich ihm allerdings frühzeitig verboten.

Straßenverkehr, lärmende Lkw, Motorräder und Autos mit Anhänger, Trecker usw. lernte er ruhig auszuhalten und durch ständige Wiederholung konnte er sie nach einiger Zeit gelassen ertragen.

Im Haus lernte Saverio zunächst unsere Regeln und bekam Grenzen aufgezeigt. Zum Beispiel wurde ihm erklärt, dass das Klauen des Futters des anderen aus dessen Napf verboten ist. Dass er erst den Napf auslecken darf, wenn ein Anwesender das erlaubt.

Auch bekam er einen Ruheplatz zugewiesen, von dem aus er den alltäglichen Ablauf beobachten durfte. Dieser Platz wurde so etabliert, dass er ihm in für ihn schwierigen Situationen, z. B. bei Besuchern etc., Sicherheit gab, weil er sich dorthin zurückziehen konnte. Alternativ durfte er sich aber auch an mich wenden, wenn ihm Situationen allzu gruselig erschienen. Das schaffte Vertrauen zu mir und er erhielt die Möglichkeit der Situationsbewertung und konnte so den Schluss ziehen, dass vieles halb so schlimm ist.

Probleme werden kommen, dass ist sehr sicher!

Erhebliche Probleme hatte er, die offene Treppe ins erste OG unseres Hauses zu besteigen. Bedingt dadurch, dass ihm einfach die Koordination fehlte, aber auch der Mut, mussten wir hier unterstützen. Saverio hat etwas länger Anleitung gebraucht, um selbstständig die Treppe rauf- und runtergehen zu können, da es mir auch wichtig ist, dass Treppen nicht dazu da sind, diese in einem Affenzahn herauf- oder hinabzusteigen. Als er das aber gelernt hatte, übte er eigenständig, die Treppe zu meistern. Man darf Hunden eigenes Problemlöseverhalten zutrauen und auch, dass sie auf sich selbst stolz sind, wenn sie bestimmte Aufgaben eigenständig leisten konnten.

Im Garten lernte er, dass das Gartentor und auch der Bereich davor für ihn tabu sind. Gelegentliches Nachfragen von seiner Seite, ob dies nun auch noch an diesem oder jenem Tag gilt oder eine Stunde später, wurde von mir bestätigt bzw. durchgesetzt.

Ebenfalls lernte er, ruhig stehen zu bleiben, wenn ihm die Jacke oder die Leine angelegt wurde. Rumgehampel wurde korrigiert. 

Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, müssen Lösungen her

Nach wenigen Tagen zeigte er sich bereits von seiner lustigen Seite. Allerdings war auch zu sehen, dass er manche Unsicherheit im Kontext mit dem Menschen über Albernheit überdeckte. In dieser Verfassung konnte es auch sein, dass Saverio seine Zähne in meine Haut rammte. Er biss nur mich, da ich die Person war, die er wirklich ernst nahm. Beim Herausholen seines Futters konnte es ebenfalls sein, dass Saverio aus Ungeduld seine Zähne nutzte.

Frühzeitig musste Saverio lernen, dass Menschen ihn überall anfassen werden. Pfoten und Beine wie auch die Rute und die Hinterhand mochte er überhaupt nicht. Ebenfalls mochte er es auf dem Sofa nicht, gerückt oder verrückt zu werden. Auch hier nutzte er seine Zähne, um seinen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Das Beißen wurde konsequent verboten und auch bestraft und so stellte er diese Verhaltensweise nach wenigen Wochen vollständig ein.

Ausdauertraining für den Sprinter? Wie sieht das aus?

Eine physiotherapeutische Behandlung war ebenfalls notwendig, da er massive Verspannungen in der Vorderhand aufgrund von Stress und leichter Fehlhaltung aufwies. Auch seine Zehen waren zu unbeweglich, die Rückenmuskulatur musste gestärkt bzw. zunächst mobilisiert werden. Auch hier versuchte er sich mittels Zähne durchzusetzen, was konsequent verboten wurde.

Zur Stärkung seiner Rückenmuskulatur musste Saverio Sitz- und Platzübungen lernen. Auch das Halten dieser Übungen haben wir geübt. Anfänglich machten ihm genau diese Probleme, da ihm die Muskulatur und auch die Kondition fehlten.

Sozialkompetenzen lernen. Umgang mit anderen Hunden

Das Lernen von Sozialkompetenz mit anderen Hunden erlernte er in unserer Sozialgruppe und im Alltag. Es fehlte ihm ein wenig Kompetenz und der Mut, sich auch mal durchzusetzen. Inzwischen hat Saverio viel nachgeholt und kann entspannt mit anderen Hunden agieren, ohne Unsicherheit und Ängstlichkeit.

Er hat feste Freunde und konnte sich in diesem Kreis gut entwickeln, ist ein gelassener und entspannter Hund geworden. Die Orientierung an mir und positive Hundekontakte sowie das Nachahmen bestimmter Verhaltensweisen gaben ihm Sicherheit und Ruhe.

Die Arbeit am zuverlässigen Rückruf 

Da Saverio ein Galgo ist und somit sehr schnell woanders sein kann, lernte er von Anfang an, was ein Rückruf bedeutet und wie weit er sich von mir entfernen durfte. Selbstverständlich ist der Rückruf nicht von Anfang an zuverlässig gewesen, allerdings zeigte er durch kontinuierliches Training in gestellten und in Alltagssituationen sehr schnell eine zuverlässige Abrufbarkeit.

Mit seinen Talenten umgehen lernen!

Auch das für Galgos typische Rennverhalten unterliegt bei uns Regeln und so etablierten wir ein Ritual, welches ihm bedeutet, dass er frei rennen darf. Einfach so loszustürmen ist verboten, da die Gefahren einfach zu groß sind, dass er sich verletzt, andere in Gefahr bringt oder das Gelände schlicht und ergreifend nicht zum Rennen geeignet ist. Auch das ist eine weitere Lebensversicherung für ihn! Dies zu etablieren ist nicht schwer, allerdings sollte man sich fachliche Hilfe holen. Da das Rennen bei Windhunden sehr stark selbstbelohnend ist und es ein Talent ist, das diese Hunde besonders gut können, ist es sehr schlau, hier von Anfang an gewisse Regeln einzuführen und auch einzufordern. Mit Talenten muss man umgehen können, sonst kann es sehr, sehr gefährlich werden.

Die gesundheitlichen Themen

Saverio hatte zu Anfang Probleme mit seinen Analdrüsen, aber bedingt dadurch, dass stressreduzierend mit ihm gearbeitet wurde und das passende Futter schnell gefunden wurde, konnte diese Problematik bald in den Griff gebracht werden.

Frühzeitig wurde er ans Autofahren gewöhnt und auch daran, dass man im Auto ruhig abwarten lernen darf, bis man herausgeholt wird. Er durfte lernen, dass er ruhig und gelassen aus dem Auto steigt und erst einmal abwartet, wie es weitergeht. Auch das ist unter Umständen sehr gefährlich, wenn Hunde das nicht gelernt haben und man auf diese Feinheiten nicht achtet.

Heute:

Der Umgang mit ihm beim Tierarzt ist bis heute problemlos, da er frühzeitig lernen durfte, dass Menschen ihn anfassen dürfen und er vertrauensvoll abwarten darf, bis die Behandlung vorbei ist. Auch hat er gelernt, dass Zahnpflege ein normaler Bestandteil des Alltags ist. Er wird es nicht lieben, aber bestimmte Dinge muss man lernen, einfach auszuhalten.

Saverio hat die Kompetenz erlernt, ein soziales Spiel mit einem Menschen und auch mit anderen Hunden zu initiieren, ohne übergriffig oder unsicher zu werden. Er geht offen auf Menschen zu, auch auf ihm fremde. Bedingt dadurch, dass er überwiegend positive Hundebegegnungen haben durfte, ist er anderen Hunden gegenüber höflich, nicht aufdringlich und zieht sich zurück, sobald man es ihm sagt oder der andere Hund keinen Kontakt möchte.

Freilauf ist inzwischen möglich, da sich auch seine Umweltunsicherheit sehr stark reduziert hat. Diese Unsicherheit wird er noch vollständig ablegen.

Seine Muskulatur und seine Kondition sind nun normal. Kleine Haltungsabnormitäten werden wohl bleiben, die machen ihm aber keine weiteren Probleme.

Saverio hat feste Freunde, innerhalb dieser Gruppe bewegt er sich gelassen, selbstsicher und sehr sozial. Schnelle, ruckartige Bewegungen von Menschen ängstigen ihn nicht mehr, Verbote kann er zuverlässig akzeptieren, ohne Selbstzweifel und Ängstlichkeit zu zeigen. Er geht mit fremden Situationen gelassen um, wendet sich an mich, wenn doch mal etwas gruselig ist. Saverio lässt sich inzwischen sehr gut abrufen und in allen Bereichen sehr einfach führen.

Galgos sind nicht einfach nur Rennmaschinen und liegen die übrige Zeit auf dem Sofa. Sie sind Sprinter und das bedeutet auch, dass sie ein ausgewogenes Ausdauertraining wie ruhige Spaziergänge, gutes Futter und ausreichend Ruhe brauchen. Am allermeisten aber brauchen sie Menschen an ihrer Seite, die viel Wissen über Hunde im Allgemeinen und Windhunde im Speziellen haben. Sie ausschließlich auf ihr Bedürfnis des Rennens zu begrenzen, kommt ihnen überhaupt nicht nahe. Ihr Talent ist sicherlich das Rennen und genau deswegen ist es so unglaublich wichtig, die anderen Dinge zu stärken, wie Sozialverhalten, Zugewandtheit und Vertrauen zum eigenen Menschen. Sie sind Teamplayer und brauchen einen klaren Rahmen, der wohlwollende Regeln beinhaltet. Nur dann kann Vertrauen wachsen und sich Zufriedenheit einstellen. Letzteres ist auch ein Merkmal, wodurch sich Gesundheit und Lebensfreude entwickeln.

Sind Tierschutzhunde besonders dankbar?

Dankbarkeit vorauszusetzen, nur weil man diesen Hund in sein Leben geholt hat, ist blauäugig und hat mit der Realität überhaupt nichts zu tun. Bevor man einen Tierschutzhund kauft, sollte man sich ordentlich Fachwissen anlesen und Beratungsstunden bei entsprechenden Hundeschulen einholen.

Unsere Arbeit und unsere Erfahrungen mit Tierschutzhunden und Windhunden!

Wir haben uns schon vor vielen Jahren auf Windhunde spezialisiert und vielen Menschen mit ihren Hunden, auch ganz andere Hunde, den Start in ein schönes gemeinsames Leben ermöglicht. Es bedarf aber Offenheit, Interesse und der nötigen Energie, um gewisse Ziele zu erreichen. Nur dann ist Tierschutz wirklich sinnvoll. Einander zu verstehen, dem anderen zu helfen und auch zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist, ist gelebter Tierschutz.

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Ilona Lindner

Ich unterstütze Menschen dabei, eine harmonische und stressfreie Beziehung zu ihren Hunden aufzubauen. Mein Fokus liegt dabei auf der individuellen Beratung von Hundebesitzern, die mit Problemen wie Jagd- und/oder Aggressionsverhalten sowie Angstproblematiken konfrontiert sind. Behördlich genehmigte Hundetrainerin nach § 11 Abs. 1 Nr. 8f des Tierschutzgesetzes.

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