Alternativverhalten trainieren – was bedeutet das eigentlich?
„Wie gewöhne ich meinem Hund das ab?“
Ein Satz, der so häufig im Zusammenhang mit störenden oder problematischen Verhaltensweisen von Hunden gefragt wird. Den meisten geht es darum, ein alternatives Verhalten, also ein Ersatzverhalten, zu dem Problemverhalten aufzubauen. Möglichst schnell und möglichst unkompliziert.
Aber kann man überhaupt ein alternatives Verhalten aufbauen? Und was wäre denn das alternative Verhalten zu dem Verhalten, das ja offensichtlich störend, gefährlich oder unangemessen ist?
Was ist, wenn der andere dieses gewünschte „alternative Verhalten“ nicht zeigen möchte? Es ihm schlicht und ergreifend nicht lohnenswert erscheint? Es gegen seine persönliche Erfahrung spricht und er möglicherweise sogar seine Komfortzone dafür längerfristig oder für immer verlassen müsste?
Ja, dann haben wir ihn, den Konflikt!
Das, was die meisten im Umgang mit ihrem Hund eigentlich vermeiden möchten: sich mit dem eigenen Hund zu streiten. Das war nicht das, was sie sich vorgestellt haben oder gar nicht vorstellen wollten.
In einer akuten Stresssituation vom Hund zu verlangen, seinen Menschen anzuschauen und direkt in eine freundliche Stimmung umzuschwenken, ist nicht möglich.
Denken wir an unseren eigenen Alltag: Sind wir vom Chef oder von der Chefin ungerecht behandelt worden oder wurde der Kollege oder die Kollegin nun schon zum dritten Mal bevorzugt, steht uns auch nicht unbedingt der Sinn nach Freundlichkeit.
Letztlich ist es auch davon abhängig, wie oft der Hund dieses Verhalten erfolgreich zeigen durfte bzw. ob ihm gezeigt und erklärt wurde, was gewünscht ist und was eine machbare, stressfreie Verhaltensstrategie sein kann.
Denn häufig ist es so, dass das, was wir Menschen als störend empfinden, für den Hund keineswegs störend ist und sich für ihn sogar richtig und gut anfühlt.
Und schon sind wir bei einem ganz anderen Problem:
Wie soll das alternative Verhalten denn aussehen?
Kann der Hund das überhaupt leisten, was der eigenen Vorstellung entspricht? Wenn nein, was dann?
Es geht nicht darum, dem Hund irgendeinen Trick beizubringen, und schon pöbelt er nicht mehr andere Hunde an der Leine an. Es geht auch nicht darum, dass ein Verhalten nur noch ab und zu gezeigt wird.
Es geht vielmehr darum, dass man als Mensch vermittelt, was gewünscht und was eben nicht gewünscht ist. Und hier muss individuell geschaut werden, wozu ein Mensch-Hund-Team in der aktuellen Situation in der Lage ist.
Verhalten entsteht im Alltag
Verhalten entsteht niemals im luftleeren Raum oder unter Laborbedingungen.
Hinzu kommt, dass der Hund gelernt hat, dass das Zeigen von bestimmten Verhaltensweisen durchaus lohnenswert sein kann und sich auch gut anfühlt.
Leider hat er möglicherweise auch gelernt, dass sein Mensch in bestimmten Situationen nicht durchsetzungsfähig, unglaubwürdig, konfliktscheu oder hilflos ist.
Das ist keine Bewertung des Menschen. Es ist eine Beschreibung dessen, was ein Hund aus seinen bisherigen Erfahrungen gelernt haben kann.
Hunde leben mit uns in der Regel im gleichen Haushalt, in unserem Beziehungsraum, und dort halten wir uns auch die meiste Zeit auf.
Das heißt, auch hieraus ziehen Hunde ihre Schlüsse darüber, wie wir unser Leben gestalten und wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten.
Viele Probleme, welche im Außen zutage treten, haben ihren Ursprung auch im häuslichen Bereich.
Welche Rolle spielt die Beziehung zwischen Mensch und Hund?
Hier kommt der Beziehungsstatus ins Spiel.
Damit ist nicht gemeint, wie sehr ein Hund seinen Menschen liebt oder wie eng die beiden miteinander verbunden sind. Es geht vielmehr darum, wie verlässlich der Hund seinen Menschen in unterschiedlichen Situationen erlebt.
Welche Meinung hat der Hund von seinem Menschen?
Kann der Mensch in schwierigen Situationen für den Hund eine verlässliche Orientierung und Sicherheit sein, ohne dass der Hund die Situation selbst regeln muss?
Trifft der Mensch gute Entscheidungen im Sinne der Gemeinschaft und schafft er es, Souveränität zu zeigen?
Das und viele weitere Fragen, sind die, die eine wesentliche Rolle spielen, wenn wir über Alternativverhalten sprechen.
Alternativverhalten ist kein schneller Trick
Das Trainieren von alternativem Verhalten in Problemsituationen ist keine schnelle Lösung, kein schneller Trick und kein Schalter, den man einfach umlegt.
Es geht, wie immer, um Motivation, um den Beziehungsstatus, um Persönlichkeit, Erfahrung und Selbstmanagement.
Es geht darum, bestimmte Verhaltensweisen vorzuleben und vorzugeben.
Und es geht darum, dem Hund einen Rahmen zu geben, in dem er sich orientieren kann.
Dafür braucht es ein Konzept und einen Rahmen, in dem regelbasiertes Verhalten auch eingefordert werden kann.
Aber vor allem braucht es Vertrauen zueinander – in jeder Situation.
Vertrauen entsteht nicht erst in der Problemsituation
Wenn der Hund sich in einer schwierigen Situation an seinem Menschen orientieren soll, kann dieses Vertrauen nicht erst dann entstehen, wenn der andere Hund bereits fünf Meter entfernt steht und der eigene Hund schon völlig aufgeregt ist.
Das bedeutet nicht, dass der Hund ständig kontrolliert oder in seinem Verhalten eingeschränkt werden muss.
Es bedeutet vielmehr, dass Mensch und Hund sich gut kennen und der Mensch in der Lage ist, Situationen richtig einzuschätzen und seinem Hund Orientierung zu geben und kluge Entscheidungen trifft.
Fazit
Alternativverhalten ist kein schneller Trick und keine Methode, mit der man ein unerwünschtes Verhalten einfach durch ein gewünschtes Verhalten ersetzt.
Es geht darum, Verhalten in seinem Kontext zu verstehen.
Und es geht darum, herauszufinden, was ein Mensch-Hund-Team in der jeweiligen Situation tatsächlich leisten kann. Hat man eine gründliche Erfassung der derzeitigen Situation vorgenommen, sind durchaus schnelle Veränderungen in Problemsituationen möglich. Verhaltensmodulationen müssen dann in den Alltag übertragen werden und konsequent gelebt werden, ggf. nachjustiert und angepasst werden. Beziehung ist ein dynamischer Prozess, der vielen Einflüssen unterliegt.
Denn letztendlich geht es vor allem um Vertrauen zueinander – in jeder Situation.
Das wiederum bedeutet, dass man sich gut kennen sollte, Verhaltensweisen in den richtigen Kontext setzt und engagiert die Dinge angeht – mit klaren und machbaren Grundsätzen.
Alternativverhalten beginnt deshalb nicht erst in der Problemsituation. Es beginnt im gemeinsamen Alltag und in der Beziehung zwischen Mensch und Hund.